Fetischismus
Eigentlich kennen wir sie ja nur aus dem Fernsehen: all diese Perversen, die sich an Schuhen, Unterhosen, Strümpfen, Gummiklamotten oder sogar Windeln "aufgeilen". Und eigentlich können wir das alle überhaupt nicht verstehen. Fetischismus ist und bleibt ein Tabu-Thema der Gesellschaft, daran ändern auch noch so offenherzige Talkshows nichts. Im Gegenteil - erst durch das Zurschaustellen menschlicher Abgründe ist der Fetischismus eigentlich erst zum Tabu geworden.

Dabei sind wir auf die ein oder andere Art alle Fetischisten - ich kenne kaum jemanden, der nicht ein absolutes Lieblingskleidungsstück hätte, in dem er sich so wohl fühlt, daß er damit die Welt erobern könnte. Ich kenne kaum jemanden, der nicht beim Hören eines bestimmten Liedes in Gefühlsstürme ausbricht oder beim Anblick eines Fotos plötzlich das denken vergißt. Wann aber beginnt Fetischismus? Wo ist die Grenze zwischen einer großen Affinität und einem beinahe krankhaften Fetischismus?

Ärzte ziehen hier eine ganz klare Definitionslinie: ein Fetischist ist jemand, der seinen sexuellen Trieb ausschließlich gegen einen bestimmten Gegenstand, nicht aber einen Menschen richtet. Ein Beispiel: ein Mann findet seine Partnerin in High-Heels unglaublich sexy, und der Anblick erregt ihn. Er ist kein Fetischist, weil ihn ja eigentlich seine Partnerin erregt. Anders ist es, wenn ihn schon der Anblick bloßer High-Heels sexuell antörnt, oder wenn ihm der Mensch, der in diesen High-Heels steckt völlig egal ist. Wenn er nicht mehr in der Lage ist, sexuelle Erregung beim Verkehr mit der Partnerin zu erleben, wenn sie keine High-Heels trägt, ist dies auch ein deutliches Zeichen für einen Fetischismus. Natürlich hat auch diese Definition interpretierbare Grenzen, und jeder Fetischist ist ein einmaliges Individuum.

Mit dieser Definition erhält das Thema natürlich einen sehr krankhaften Anstrich, und nicht zuletzt wollen wir alle deshalb lieber mit solchen Perversen nichts zu tun haben. Krankhafter Fetischismus ist sicherlich nicht gesund für die eigene Sexualität, das steht außer Frage. Wenn ein Mensch sich wirklich nur noch vom Anblick, Geruch, Geschmack, Gefühl eines Gegenstandes, nicht aber eines Menschen erregen läßt, so ist dies äußerst bedenklich und sollte im eigenen Sinne behandelt werden.

Unbedenklich hingegen ist es wohl, wenn man bestimmte Dinge, die in der Gesellschaft allgemein anerkannt als erotische Symbole akzeptiert werden, erregend findet. High-Heels, Lack-, Leder- und Latexstoffe, Dessous, Spitze und Nylons - die Industrie gibt nahezu alles her, was man sich so vorstellen kann. Auch viele Körperteile sind Zielscheibe eines Fetisch: Füße, Hände, Busen, Münder... hier setzt nur der menschliche Körper selbst die Grenze.

Eher amüsant wirkt so mancher Fetisch auf unbeteiligte Personen. Menschliche Exkremente, Windeln oder Schmerzen am eigenen Leib erwecken oft Unverständnis bei Mitmenschen. Nicht zuletzt deshalb werden solche Fetische meistens heimlich und ohne Einbeziehung des Partners genossen. Dies ist natürlich insofern gefährlich, als daß er Fetisch in der Heimlichkeit nur noch stärkere Anziehungskraft gewinnt. Schnell ist da die Grenze erreicht, an der ein Liebhaber zum wirklichen Fetischisten wird und zu keiner zwischenmenschlichen Sexualität mehr fähig ist. Offenheit und Ehrlichkeit vor allem dem Partner gegenüber sind also wichtig.

Seltsamerweise sind Männer wesentlich häufiger von Fetischismus betroffen als Frauen (wenn wir den allgemein anerkannten "Schuhtick" vieler Frauen mal unberücksichtigt lassen :-). Und sicherlich fällt die ein oder andere Frau verständlicherweise aus dem Häuschen, wenn sie den Geliebten in ihren Dessous und Strümpfen oder in ihren High-Heels überrascht. Hier ist ein klärendes und offenes Gespräch miteinander das wichtigste und wertvollste, was die Partnerin ihrem Mann oder Freund an dieser Stelle bieten kann. Wenn er merkt, daß er Verständnis und Rückhalt für seinen Fetisch findet und sie ihm hilft, damit zu leben, indem sie seinen Fetisch zum Beispiel in das gemeinsame Sexleben einbezieht, besteht kaum die Gefahr, daß er sich mehr und mehr in seine Neigungen verstrickt. Reagiert sie jedoch empört, unverständig, aufgebracht, wird er sich nur mehr von ihr zurückziehen und sich noch stärker seinem Fetisch zuwenden. Denn dieser ist letzten Endes ein Gegenstand, der nicht urteilt, nicht moralisiert und sich auch nicht empört.

Schwierig wird es sicherlich erst dann, wenn es sich bei dem Fetisch um etwas handelt, mit dem der Partner nicht zurecht kommt. Ob er sich nun vor Exkrementen ekelt oder es einfach nicht über sich bringt, dem anderen Schmerzen zuzufügen - zwei so unterschiedliche Wünsche und Triebe in einer Partnerschaft sind generell sehr schwierig zu handhaben. Hier gilt es, einen Kompromiß zu finden, mit dem beide leben können. Dieser kann durchaus sehr unterschiedlich aussehen: zum Beispiel lebt er seinen Fetisch allein, ohne sie, aus, wobei sich hier die oben genannte Gefahr nähert. Oder sie lebt ihn gemeinsam mit ihm bis zu einem gewissen Punkt aus, an dem sie ihre persönliche Grenze zieht. Wenn er partout nicht verzichten will, sie jedoch unter keinen Umständen bereit dazu ist, sich mit dem Gedanken anzufreunden, bleibt leider meistens nur noch die Trennung.

Wenn er Euch also am liebsten in Dessous, Nylons, High-Heels oder auch Latexkleidung sieht oder sie sich ausgiebig mit seinem Hinterteil oder Stiefeln vergnügt, ist dies noch lange kein Anzeichen für einen "echten" Fetischismus. Solange Ihr jederzeit in der Lage seid, ohne diese Hilfsmittel ein gesundes Liebesleben zu führen, ist keine Vorsicht vonnöten. Genießt es einfach mit ihm (oder mit ihr), wenn Ihr könnt.

Liebe Grüße

Alexandra

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