Jungfrau



Das Zeichen der außergewöhnlich schönen Jungfrau ist zugleich das der einsamen. Und das ist das eigentliche Problem der Jungfrau-Frau: Jeder Mann drängt sich in ihre Nähe, träumt von ihr. Aber gerade ihre Ausstrahlung wirkt wie eine Schranke, hält Männer von ihr ab. Die Jungfrau-Frau trifft nicht ins Zentrum der Sinnlichkeit - man hebt sie auf den Altar der Verehrung. Der Gedanke, sie aufs Kreuz zu legen, käme einem Frevel gleich.

Es ist schon seltsam: Sie, die man für einen Eisblock hält, kommt diesem Bild der Männer noch entgegen. Vielleicht, weil sie weniger als andere Frauen Liebe und Zärtlichkeit braucht. Weil sie so stark ist, daß sie nicht unbedingt einen Partner nötig hat, auf den sie sich stützen müßte. Die Sexualität ist für sie eine wundervolle Verzierung des Glücks - aber nicht das Glück selbst. Über die Lust gibt sie sich keinen Illusionen hin. Denn eigentlich ist die körperliche Vereinigung doch nur ein animalischer Akt, notwendig, damit es Nachwuchs gibt, so denkt sie bisweilen allzu nüchtern.

Liebe jedenfalls ist für sie etwas völlig anderes. Etwas in geistigen Sphären, etwas Erhabenes. Doch lassen Sie sich nicht täuschen: Vielleicht redet die Jungfrau in dieser Weise, vielleicht denkt sie sogar ähnlich. Doch handeln tut sie anders. Wer sie aufspüren will, braucht Einfühlungsvermögen und viel Geduld. Doch wer sich die Mühe macht, stößt auf einen Vulkan, der kaum mehr zu bändigen ist. Ein entfesseltes, überaus sinnliches, sehr irdisches Wesen, das hält, was andere versprechen.

Wer versucht, bei ihr mit der Hau-Ruck-Methode zu landen, wird scheitern. Denn in der Liebe lehnt sie alles Plötzliche und Überraschende ab. Sie ist nicht der Typ, der sich im Auto überrumpeln oder einfach in ein Gebüsch zerren läßt. Wenn sie sich hingibt, hat sie das so gewollt. Die Liebe muß ein Fest sein und entsprechend vorbereitet werden. Auch die Liebe selbst wird zelebriert. Zuerst fast feierlich. Nach und nach immer hemmungsloser. Nach dem Orgasmus ist das Fest allerdings schlagartig zu Ende. Keine andere Frau ist so schnell wieder in ihren Kleider wie sie.

Überaus erfinderisch, erwartet sie von ihrem Partner, daß er auf ihre Ideen eingeht und mitmacht. Dabei fühlt sie sich dem Mann ebenbürtig - und zeigt dies auch. Sie braucht keinen väterlichen Typ, der sie in die Praktiken der Liebe einweiht, aber auch keinen Playboy, der bei ihr nur seine Show abziehen will. Bei ihr ist der Liebhaber ein echter Teilhaber. Freilich wäre es schön, einen Mann zu haben, der einem Lust verschafft. Doch wenn er eben nicht da ist, tut man es selbst. Diese Selbständigkeit schreckt zaghafte Naturen von vornherein ab. Die Jungfrau-Frau liebt ein geradezu endloses Vorspiel, zögert die Vereinigung immer wieder hinaus, bis die Spannung unerträglich geworden ist. So steht etwa das gegenseitige Streicheln bis zum Orgasmus ganz oben auf ihrer Hitliste. Ihre erogene Zone ist der Bauch, speziell die Haut rund um den Nabel, in den Rippenbogen und am Ansatz der Schenkel.

Nach außen spielt sie die Prüde, die nie über Sex sprechen würde. Gleichsam als Ventil drehen sich ihre sexuellen Traumszenen dann aber meist um etwas "Schmutziges", Verbotenes. Oft hängen diese Phantasien mit Bestrafungen für das unmoralische Begehren zusammen. Jede Bewegung, jeder Schritt wird vorgeschrieben. Und dabei werden sie beschimpft und geschlagen. Bald schreit sie vor Schmerz - und vor Lust. Aber sie fühlt sich unglaublich glücklich. Bestraft - und befreit.

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Der Jungfrau-Mann spielt den strengen Puritaner: Über Sex darf man in seiner Gegenwart nicht sprechen, schlüpfrige Witze sind ihm zutiefst zuwider - aber nur, weil er sich durchschaut wähnt. Im Geheimen ist die Sexualität ein Gebiet, das ihn - seiner Meinung nach - viel zu stark beschäftigt.

Sein nüchterner Verstand wehrt sich zwar gegen die "primitive Herablassung", aber sein Herz sehnt sich nach Zärtlichkeit. Ziemlich kompliziert, dieser Typ.
Allzu oft geht er den Weg des geringsten Widerstandes: Flüchtet in sexuelle Betätigung, die sich ohne einen Partner bewerkstelligen lassen, oder geht sehr berechnend eine Vernunftehe ein, die ihm persönliche Vorteile bringt. Risiken meidet er ohnehin. Sein scharfer Intellekt läßt ihn bei jedem Vorschlag sofort Vor- und Nachteile gegeneinander aufwiegen. Wenn er dann einen Rückzieher macht, fällt er ein Urteil, das rein auf Fakten, keinesfalls auf Emotionen beruht. Jedenfalls wird es nur einer sehr selbstbewußten und behutsamen Frau gelingen, ihn aus seinem Elfenbeinturm zu locken. Als akribischer Planer und Rechner wird er es aber nicht zulassen, daß man ihn vor vollendete Tatsachen stellt. Andererseits ist es sinnlos, ihn nach seinen Wünschen zu befragen, denn darüber spricht er nur ungern. Dabei wartet er nur auf Anregungen und Hilfen und greift sie dankbar auf.

Immer wieder gibt er Zeichen und Andeutungen, die seine Partnerin beachten sollte. Hat er einmal gesehen, daß das, was in seinen wildesten Phantasien passiert, nicht abwegig oder gar verwerflich ist, kann er zu einem liebevollen, ja leidenschaftlichen Geliebten werden.

Er ist ein Ästhet, bei dem alles schön und sauber sein muß. Und er mag Licht, denn alles Schummrige, Dunkle ist ihm suspekt. Die Liebe beginnt bei ihm nach einem festen Ritual mit einem guten Essen. Ist er einmal erregt, reagiert er fast gehetzt. Doch keine Sorge: Er gehört zu den Typen, die in der Liebe eine unvorstellbare Ausdauer entwickeln. Nach jedem Orgasmus ist er für einige Augenblicke in sich zurückgezogen. Das ist der Augenblick, in dem sie besonders zärtlich sein sollte. Dann nämlich erwacht er schlagartig zu neuem Leben.

Merkwürdigerweise will der Jungfrau-Mann bestimmte "Spezialitäten" nur bei einer Dirne erleben, auf keinen Fall aber bei seiner Partnerin zu Hause, die "so etwas doch nicht tut". So vollzieht er daheim das "Normale", ist mit seinen Gedanken aber bei einer wüsten Szene im Bordell. Gruppensex etwa mag er nicht, solange seine Frau oder Bekannte beteiligt sind. Sonst aber überaus gerne. Er liebt schweres, süßes Parfüm, er wühlt gerne in langen Haaren, er ist verrückt nach weiblichen Gerüchen. Seine eigentliche erogene Zone ist der Bauch. Von innen mit leckeren Speisen gefüllt, von außen mit Zärtlichkeiten überschüttet, reizt er ihn zu höchstem Lusttaumel.

Bald sind Sie der Junge, dem die Göttin winkt, bald ein Unhold, der sie beschmutzt. Zwischen diesen Extremen pendeln die meisten Phantasien.

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